– 1977

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Der junge Gerhard „Gerardo“ Strunz führt zusammen mit seiner Frau Eva einen Supermarkt in Garmisch-Partenkirchen (Ortsteil Burgrain) mitsamt kleiner Weinabteilung. Neben Chianti Fiasco (Korbflasche) gelangt auch der erste Frascati auf den südbayerischen Markt. Nach einigen Jahren beschloss er, den Betrieb aufzugeben um ein Einzelhandelsgeschäft zu gründen. Mit dem Ziel, sich vollständig dem italienischen Weinhandel zu widmen. Im schwebt dabei ein ganz spezielles, reduziertes Geschäftskonzept vor – bei welchem der Kunde im Mittelpunkt steht. Ganz ohne neumodisches Outfit, kostengünstig und gleichzeitig charmant sollte es sein. Mit Produkten abseits der großen Namen.

Cobo-Farbe

(historischer Pressetext anbei)

Karl May war nie am Rio de la Plata
(Oder: Der Gerardo war nie am Rio de Plata)
Von Hans-Peter Apelt

Als ich zum erstenmal das italienische Weindepot aufsuchte, hatte ich ausgiebig Gelegenheit, mich dort umzuschauen. Kein beflissener Verkäufer in frisch gebügeltem weißem Kittel, keine freundlich aufdringliche Stimme, die sich meinen Wünschen erkundigte, die ich, das gebe ich gerne zu, meistens selbst nicht kenne, wenn ich einen Laden betrete, denn ich bin ein aus Prinzip muffiger Käufer. Und so vermißte ich auch keinen jovialen Ladenbesitzer, der mich in seine Allerweltsphilosophie verwickeln wollte, über den Wein im allgemeinen und den italienischen im besonderen. Und es störte mich auch nich, daß es keine Plastikweingirlanden gab, ja, nicht einmal die koketten Auszeichnungsschilder in Rebenform, wie sie in den herkömmlichen Weinläden zu finden sind. Meine Einkaufsmuffigkeit lockerte sich merklich.

Meine schlesische Großtante wäre allerdings entsetzt gewesen, und ihr Sohn, der mit seiner Frau in Neustadt am Rübenberge ein Feinkostgeschäft unterhält, ebenfalls: So wie das Italienische Weindepot darf kein Spezialitätengeschäft aussehen! Da kann man ja gleich in den Keller gehen und sich im Lager umschauen!

Es gab auch keine Geschenkkörbchen in dem Depot, keinen „Wein des Monats“, keine neckischen irgendeiner Winzergenossenschaft mit je einer Flasche weiß, rosé und rot. Und zum Glück fehlte auch das sattsam bekannte Sonderangebot zu DM 7,98. Ich hatte so etwas auch nicht erwartet, als ich vor Jahren auf die Adresse des Weindepots stieß und neugierig auf Kuriositätenjagd ging. Eine ausrangierte Tankstelle hatte ich mir vorgestellt, eine vergammelte Hinterhofgarage, ein lieblos improvisiertes Auslieferungslager halt, mit Stapeln von Plastikträgern und Mengenrabatt in Pfennighöhe.

Umso angenehmer war ich dann von der Wirklichkeit überrascht. Heute, wo jede drittklassige Backwarenverteilerkette mit teuren Kacheln und indirekter Beleuchtung protzt und halogenbeschienene Waren austellt, ist es wohltuend, daß einige umkehren, „back to the basics“, wie es in den USA heißt, zurück zum einfachen, Unentbehrlichen. Ein Regal ist ein Regal, nichts weiter. Kanthölzer, Latten, Bretter, Schrauben, Muttern- kein Designerschnickschnack und kein Edelholzgefasel. Optische Erholung beim Einkauf, Augen und Geist können sich entspannen von den schreienden Farben da draußen, von dem allgegenwärtigen widerlichen Plastikflitter bei Einkaufszentren und Gebrauchtwagenschaus. Im Weindepot dagegen wohltuende Ruhe, gerade ausreichende Beleuchtung; keine Ablenkung sondern Konzentration auf das Wesentliche.

Ich arbeitete damals in Jakarta, und das Italienische Weindepot kam mir gleich irgendwie vertraut vor. Es erinnerte mich an die vielen chinesischen Handelshäuschen auf den indonesischen Inseln. In der Einrichtung ein auf das Notwendigste reduzierter Pragmatismus, aber Waren über Waren, Stapel von Kartons auf jedem freien Plätzchen – ein Angebotenwirwar, für den Besucher nicht sofort überschaubar, aber bei genauerem Hinsehen ein breit gefächertes Sortiment mit verborgenen Köstlichkeiten und attratktiven Preisen.
So war das Italienische Weindepot ein Platz, an dem ich mich sofort wohlgefühlt habe, ein bißchen Chaos in der gepflegten touristischen Hochglanzgegend, ein bißchen Ruch der weiten Welt, die gleich hinter den Bergen liegt, und auch eine ferne Errinnerung an die Läden der Kindheit, wo man noch schnuppern und probieren konnte, die Waren noch offen vor einem lagen, statt in einer sterilen Klarsichthülle ihr „Faß mich nicht an-Gebot“ zu demonstrieren.

Als sich dann noch herausstellte, daß der Besitzer des Depots nich nur Weine verkaufen wollte, sondern sich auch bei deren Herkunft bestens auskannte, ja, sich sogar ein bißchen als deutscher Vertreter der cultura italia fühlte, da war der Nachmittag gelaufen – wobei Essen und Trinken natürlich im Mittelpunkt standen. Gewürze und Kräuter wurden besprochen, Restaurantadressen in Italien verraten, es gab Kostproben vom Büffet, und die Weinproben wurden mit jedem Karten, den ich auf die Seite stellte, ausführlicher.

Nach zwei Stunden überließ ich es dann meiner Frau, den schwer beladenen Kleinwagen durch den Farchanter Stau zu steuern. Sie hatte sich klugerweise rechtzeitig aus dem Männergeschwätz zurückgezogen und ihre Aufmerksamkeit mehr den vielen Teigwaren, Espressosorten und Balsamicofläschchen gewidmet und diverse Käsesorten probiert, lufgetrocknete Salami und Schinken gekauft, Oliven, Amarenakirschen, getrocknete Pilze, zig Sorten von wilden aromatischen Honig……. alles etwas unkontrolliert, wie es halt passiert, wenn man im Urlaub auf etwas Überraschendes stößt.

Natürlich hätte ich mich auch selbst ans Steuer setzen können (Das glaubt man in solchen Situationen immer…), und zur Not hätte ich auch noch meinen alten afghanischen Führerschein vorzeigen können – ,aber mir war trotz der Weinprobe noch klar, daß derartige Exotica in der bundesdeutschen StVO nicht vorgesehen sind.

Seit diesem Nachmittag ist der Besuch im Italienischen Weindepot zu einer schönen Gewohnheit geworden. Und wenn es aus irgendwelchen Gründen einmal nicht möglich ist, stellt das Schreiben darüber zumindest eine Art Verbindung her, wie jetzt, wo ich Rio de la Plata sitze und vor mir eine Flasche Rotwein aus Mendoza habe, einem schönen Ort am Fuße der argentinischen Anden. Die argentinischen Rotweine gehören sicher zu den besten der Welt, aber das ist in unseren Breitengraden weniger bekannt, dazu fehlt z.B. ein entsprechendes Weindepot.

Das aber nur nebenbei. Es soll ja keine Werbung für ein Konkurrenzprodukt getrieben, sondern gezeigt werden, daß der Gerd, so heißt der Besitzer des Italienischen Weindepots, nicht der Schreiber dieser Zeilen ist (was mitunter vermutet wird), denn den Rio de Plata kennt er persönlich ebensowenig wie der sächsische Schriftsteller Karl May, der weder seinen Fuß in die argentinische Pampa gesetzt, noch jemals dem in seinem Romanen verewigtem Hadschi Halef Omar Aga Ben hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah die Hand geschüttelt hat.

Dem Gerd zumindest kann man das nicht verübeln, denn er muß in seiner Urlaubszeit ja nach Italien fahren, in die Marken, die Abruzzen und das Veneto. Und dort heißen seine Freunde Paulo,Giovanni und Luigi. Und das ist auch gut so, denn zum Romanschreiben genügen vielleicht Phantasie und viel Zeit (wie sie Karl May im Gefängnis hatte), aber gute und preiswerte Weine zu besorgen, verlangt eine gediegene Fach- und Ortskenntis – und Phantasie obendrein.