1978

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Gemeinsam mit seiner Frau Eva gründet Gerhard Strunz einen auf Wein und italienische Feinkostprodukte spezialisierten Einzelhandel: „Das italienische Weindepot“. Auf wenigen Quadratmetern im Hinterhof der Hauptstraße 56 in Garmisch-Partenkirchen wird das kleine Italien eröffnet. In einer Zeit in der noch niemand so wirklich etwas von Prosecco und Chianti wusste und es nur wenige Importeure für diese Produkte gab.

(historischer Pressetext anbei)

Ma chi mai si reca al „deposito di vini“ gia ‚alle nove di mattina?
Anfang der siebziger Jahre gab es in Gualdalajara, in Mexico, ein Restaurant, das einem Österreicher gehörte und in dem man die beste „Mole poblano“, Huhn mit scharf gewürzter Schokoladensoße, bekam. Das Restaurant war nur einige Stunden am Tag geöffnet, und an der Tür hing der nicht zu übersehende Hinweis: Montags und donnerstags wegen gründlicher Reinigung geschlossen. Der Mann lebte seinen eigenen Rhythmus, die moderne Hektik hatte hier noch keinen Einzug gehalten.

Dieses Restaurant kam mir wieder in den Sinn, als ich zum  ersten Mal die Öffnungszeiten des Italienischen Weindepots in Garmisch-Partenkirchen las: Montag bis Donnerstag vormittags geschlossen! Da schau her, der kann sich’s leisten! Und im Frühjahr auch noch Urlaub! Ein Weindepot müßte man haben!

Aus dem anfänglichen Frust ist inzwischen Zustimmung geworden. Hinter dem Frühjahrsurlaub verbirgt sich ein harter Geschäftsaufenthalt in Italien, anstrengende Tage voller Arbeit, an denen Winzer und Weinkeller aufgesucht werden, alte Kontakte aufgefrischt und neue Beziehungen geknüpft werden. Nur so ist es möglich, daß im Depot kein Wein angeboten wird, der nicht eigenhändig ausgesucht und persönlich am Ort probiert wurde. Und nur so ist die hohe Qualität, sind vor allem die jährlichen Überraschungen im Angebot möglich, und ohne diese Kenntnisse vor Ort wäre es auch nicht möglich, den Kunden eingehend zu beraten, wenn erwünscht, über interessante Details des Weines zu informieren.Der fränkische Tonfall ist dabei schon noch zu hören, aber am liebsten fällt der Gerardo – so heißt der Typ – ins Italienische, nennt Namen und zitiert Begriffe, denn italienisch muß man können, wenn man über Qualität und Preise verhandeln will.

Als Folge davon türmen sich im Weindepot Kartons aus ganz Italien. Mit den Namen, die man im Urlaub aufgelesen hat, ist man schnell am Ende: Barolo, Valpolicella, Orvieto und Frascati – das genügt hier nicht. Und auch die saarländische Toskana-Riege wäre mit ihrem Latein, so sie es beherrscht, schnell am Ende, denn von manchen Weinen hat hierzulande kaum jemand etwas gehört, und doch verbergen sich absolute Spitzenklassen dahinter.

Und wenn man dazu überlegt, was man für denselben Preis aus anderen Ländern bekommt, ist man leicht geneigt, einen ganzen Karton zu kaufen oder gleich zwei, um einen Vorrat zu haben, mit dem man gut dasteht. Auch einen dritten Karton sollte man erwägen, denn viele der angebotenen Sorten zahlen sich auch nach ein, zwei Jahren  Lagerung aus, werden zu dem, was sie sein sollen. Nur im Weindepot werden sie dann nicht mehr vorrätig sein, da sind dann schon wieder die neuen Jahrgänge übereinandergestapelt.

Daß zum italienischem Wein auch Olivenöl gehört, Pasta, Aceto, Schinken, Salami und wirklich echte Büffel-Mozzarella, ist selbstverständlich, und genauso selbstverständlich kann man diese Beilagen oder Antipasti ebenfalls im Weindepot kaufen – in ausgesuchter Qualität, denn dafür garantiert seine Frau, die Eva.

Also,  die Eva und der Gerardo, die arbeiten alleine, importieren direkt, ohne Personal und ohne großen Aufwand – ein richtiger Familienbetrieb, in den der Kunde schnell einbezogen wird. Eine Klitsche ist das Weindepot trotzdem nicht, sondern ein hochspezialisierter Laden, in dem der Besuch im Vordergrund steht und der Einkauf zur schönsten Nebensache wird. Schließlich muß der Wein vor dem Kauf  probiert und beredet werden, und der Gerardo will seinen Spaß an der Arbeit haben, Menschen kennenlernen, sich unterhalten, seinen eigenen Rhythmus leben.

Und die reduzierte Öffnungszeit? Welcher Weinliebhaber will schon morgens um neun ein Weindepot besuchen! Abgesehen davon, dem Kunden soll es nur recht sein, denn die eingesparten Kosten wirken sich allemal günstig auf die Preise aus, non é vero?