1998

Die erste Version der Firmenwebsite (www.gerardo.de) geht online. Damals noch komplett von Hand in einem Texteditor unter Verwendung von HTML geschrieben. Es handelt sich um eine statische Seite mit Text und Bildern, ohne jegliche Shop-Funktionalität. Gerardo ist bemüht die Seite mit Inhalten zu füllen, es folgen zahlreiche Weinbeschreibungen aber auch Artikel und Berichte über italienischen Wein im Allgemeinen. Mit der ersten Homepage steigt nun auch Sohn Tobias Strunz in die Firma mit ein.

(historischer Pressetext anbei)

Also mal ehrlich, …
Ein Erlebnisbericht von Hans-Peter Apelt

Also mal ehrlich, ich versteh‘ nicht, wie dieser Schuppen im Hinterhof in der Hauptstraße 56, dieses Weindepot, einen solchen Erfolg haben kann, Kunden aus der ganzen Republik, Urlauber, die diese Adresse als Geheimtip weitergeben, Kundschaft, die sich schnell mal verwöhnen will.

Es geht doch schon beim Parken los, ein anständiger Wagen hat in der Hofeinfahrt kaum Manövrierraun, und wenn drei zusammenkommen, läuft nichts mehr. Natürlich könnte man auch draußen am Straßenrand parken, aber dann müßte man seine fünf oder zehn Kartons, die man gekauft hat, zum Wagen karren. Sicher, der Chef, der in der grünen Arbeitsschürze, hilft einem schon, aber dieses Angebot möchte man natürlich nicht annehmen, schon aus Solidarität mit den anderen Kunden nicht (schließlich hat man ja selber lange genug gewartet) und außerdem – mit so einer Handkarre wird man ja wohl noch alleine umgehen können, wozu ist man denn als Werkstudent einmal Lagerhilfsarbeiter gewesen?!

Wahrscheinlich liegt – neben Produktqualität und Preisgestaltung – das Erfolgsgeheimnis des Ladens in dieser fast provokativen Simplizität. Kein postmoderner Lampenschnickschnack, keine gestylte Ladeneinrichtung im norditalienischen Alpenlook, kein Bistrotouch mit Probierecken, nichts von dieser neudeutschen Einheitstünche, die aus jedem Friseurgeschäft ein Studio für Haardesign macht.

Dagegen ruft das Weindepot mit seinen aufgestapelten Kartons und vollgelagerten Gängen – unbewußt, aber ganz im Trend – Erinnerungen an die Nachkriegszeit wach, an Notunterkünfte und Flüchtlingsbaracken. Fehlt nur noch, daß in irgendeiner Ecke eine Strohschütte ist, wo man warten kann, bis der Chef sich von einem bekannten Kunden und der gemeinsamen Weinprobe los reißt und einen anspricht.

Und dann redet man, druckst herum, verbirgt seine Unkenntnis, bis der Gegenüber einem weiterhilft, von Lagen redet, Anbaugebieten, dabei mit konkreten Beispielen italienischer Erde rumfuhrwerkt, vom italienischen Reinheitsgebot und von Konsequenzen aus der europäischen Einigung spricht, von italienischer Politik und alternativen Produktionsweisen… Derweil warten die anderen Kunden oder sie gesellen sich dazu, aber der mit der Schürze läßt sich nicht aus seiner fränkischen Ruhe bringen und demonstriert pazienza.

Schließlich hat man einen Karton von dem, sechs Flaschen von diesem und dann noch etwas Salami, luftgetrocknet, Prosciutto und ein paar unbekannte Käsesorten, über die einen die Frau des Hauses charmant bayrisch aufklärt, wobei sie ab und zu verzweifelt zu dem mit der grünen Schürze hinschielt, der schon wieder labert, statt an der Kasse abzurechnen …

Zum Schluß kommt noch beutebewußt eine Flasche edler Balsamico oder apulisches Olivenöl dazu, um der Frau daheim zu beweisen, wie sehr man sich für die Küchenarbeit interessiert.

So fährt man dann davon mit dem befriedigendem Gefühl, zum engeren Kundenkreis zu gehören, über dem alltäglichen Glitzerluxus zu stehen, etwas Alternatives geleistet und selbst angepackt zu haben – ein bißchen Echtheitsgefühl als Gratisbeigabe beim Einkauf im Lager. Und natürlich hat man sich verführen lassen und etwas mehr gekauft … eigentlich ganz raffiniert, dieses Hinterhofambiente, es könnte direkt das Produkt eines geplant schlichten Verkaufskonzepts sein.